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© Gerd Altmann/Pixabay

Das Corona-Angst-Rad

18.02.2021

Wovor möchte man sich heute fürchten? Virus, Diktatur, Konkurs, Bestrafung oder nichts: Unser Kolumnist Harald Koisser hat eine Methode entwickelt, um Abwechslung in das Gefühlschaos der Pandemie zu bringen - und sogar einen Ausweg gefunden. 

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Ich habe in meinem Zuhause ein Corona-Angst-Rad installiert. Es sieht genau so aus wie ein Glücksrad und funktioniert auch genau so. Es ist ein Zeiger und eine runde, in Segmente geteilte Scheibe, die man in Schwung setzen kann und die dann irgendwo zum Stehen kommt. Ich habe das Angst-Rad gebastelt, weil ich mich auskennen möchte. Ich möchte wissen: wovor habe ich heute Angst? Vor allem und jedem Angst zu haben, geht wirklich nicht. Es ist zuviel für mich. Habe ich vor diesem Angst, so bin ich beschämt, wenn ich auf Facebook bemerke, dass andere gerade vor etwas anderem Angst haben. Dann versuche ich auch, vor genau jenem Angst zu haben, habe dann aber doppelte Angst, weil die andere Angst nicht verschwunden ist. Das konnte so nicht weiter gehen. Daher habe ich das Angst-Rad gebastelt. Die fünf Felder lauten:

Angst vor dem Virus
Angst vor Diktatur
Angst vor Bestrafung
Angst vor Konkurs
Keine Angst

Kaum war es fertig, habe ich daran gedreht.

Tag 1. Ich habe Angst vor dem Virus.

Der Zufall hat entschieden. Heute habe ich Angst vor dem Virus. Damit ist die Sachlage klar. Ich bunkere mich ein, sage alle Termine ab, trage zwei Masken übereinander. Auch im Auto. Und abends, wenn ich schlafen gehe, werde ich auch Maske tragen. Wenn mir heute jemand begegnen und mir zu nahe kommen wird – also innerhalb eines Radius von fünf Meter – weiche ich zurück und schicke einen empörten Blick in Richtung des Straftäters. Wenn jemand in meiner Hörweite hustet oder die Nase hochzieht, werde ich die Person zurechtweisen.

Ich werde heute ganz in der Angst um mein klägliches Leben aufgehen, ich werde Vergleiche mit der Pest und der Spanischen Grippe ziehen und in Erwägung ziehen, dass das vielleicht eine göttliche Strafe ist, die an mir oder gar an der ganzen Menschheit vollzogen wird. Ich werde die Antwort in diesem Leben nicht mehr herausfinden, weil ich dem Tode geweiht bin und es nur noch eine Frage von Stunden ist, bis ich elend an Corona verende. Zum Glück kommt der Abend und ich kann mir alle Nachrichten im Fernsehen ansehen, welche Infektions- und Todeszahlen kolportieren, bevor ich angsterfüllt ins Bett taumle. Ich hätte Lust auf Sexualität, aber schon das Küssen meiner Partnerin kommt nicht infrage, wie wohl jeder verstehen wird, der halbwegs bei Sinnen ist.

Tag 2. Ich habe Angst vor Diktatur.

Es ist nicht leicht, mit dem Ganzkörperschutzanzug aus dem Bett zu kommen. Die Masken waren mir über die Augen gerutscht, sodass ich das Tageslicht nicht wahrnehmen konnte und verschlafen habe. Ich drehe am Angst-Rad und habe heute Angst vor der Diktatur. Gut, das ist ja auch einsichtig, denn man hat mir Masken über die Augen gezogen, damit ich nicht sehen kann, und mich in einen Schutzanzug gesteckt, damit ich nicht fühlen kann. Was wird als nächstes kommen? Der Impfzwang natürlich, um mir einemn Chip zu implantieren. Ich muss mir sofort auf Facebook die neuesten Wahrheiten reinziehen, schreibe aber vorher noch ein paar Hasspostings bei den Online-Tageszeitungen über diese Covidioten, die willfährig Maske tragen und damit ihren erbärmlichen Status als Opferlämmer kundtun. Ich aber bin nicht so dumm und die Welt soll es wissen. Ich schreie es schreibend hinaus.

Es ist mir heute völlig unverständlich, wie die Menschheit nicht sehen kann, was rund um sie passiert. Jeder Kontrolleur, der mich in den Öffis darauf hinweist, dass meine Maske schief sitzt, macht mich schier wahnsinnig, weil er ein Henker des Systems ist und es nicht wahrhaben will. Natürlich sitzt meine Maske schief. Ich würde sie niemals ordnungsgemäß und gerade aufsetzen. Es geht um Würde und es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Wahrscheinlich bin ich der letzte hier im Zug, der überhaupt kapiert, was in diesem Land los ist. Vielleicht sogar der letzte auf der ganzen Welt. Alles, was mir zu bleiben scheint, ist, ein paar Postings von den Rechtsextremen und Supernazis zu liken und zu teilen. Das sind offenbar noch die einzigen, die sich gegen die kommende Diktatur auflehnen. Ich und die Nazis im Kampf für Demokratie. Das hätte ich mir gestern noch nicht gedacht. Aber was soll man machen? Es geht jetzt um alles.

Als mich eine alte Frau auf der Straße darauf aufmerksam macht, dass mir meine Maske irrtümlich aus der Manteltasche gerutscht ist, verliere ich die Fassung. Ich habe es so satt, dauernd kontrolliert und zurechtgewiesen zu werden. Ich brülle die alte Kuh an und mache sie zur Schnecke, damit sie weiß, was es geschlagen hat. Natürlich immer die Alten. Die haben ja noch diese Nazidiktatur in den Adern, diese Blockwartmentalität. Halt, ich selbst war ja gerade Seite an Seite mit den Nazis gegen Bill Gates demonstrieren. Das ist aber etwas anders irgendwie.

Ich komme schweißüberströmt und erledigt zuhause an. Werde ich morgen schon in einer Diktatur aufwachen?

Tag 3. Ich habe Angst vor Konkurs und Verarmung.

Nein, zum Glück nicht. Keine Diktatur am nächsten Morgen. Das Angst-Rad beschert mir Angst vor Verarmung. Das ist es ja auch, um was es in Wahrheit geht. Es geht um Wohnen, kleine Besitztümer, Wohlstand eben. Und diese abenteuerliche Serie an Lockdowns vernichtet mein Vermögen und meine Existenz. Diktatur? Diese ganzen Regierungen sind viel zu dämlich, um überhaupt einen Plan für die nächsten Wochen zu fassen. Sie sind gefangen in ihrem Wahlkampfhamsterrad. Tagein tagaus geht es nur darum, Verantwortung wegzuschieben. Politik heißt, mit einem Schneepflug die Verantwortung wegzuschieben. Und weil das alle Parteien machen, schieben sie sie einander zu. Es ist ein völlig abenteuerliches Geschiebe, das überhaupt kein Ziel hat, außer die Berge an Verantwortung täglich neu umzuschichten. Nichts anderes ist Politik. Der Gipfelpunkt des Geschiebes sind diese Lockdowns. Sie sind nichts anderes wie Verantwortungsabwehr. Und ich verliere alles dabei. Mein gesamtes Vermögen.

Virus, Diktatur – du meine Güte. Was für hanebüchene, eitle Sorgen.

Sieht denn niemand, dass die Existenz bedroht ist. Nicht durch das Virus. Das bedroht uns nicht mehr als Grippe. Nicht durch Diktatur. Da gab es schon andere Kaliber. Sondern durch eine Devastierung der Ökonomie, die leichtfertig wegen dieser anderen albernen Ängste in Kauf genommen wird. Da wird einfach mit absurden Argumenten wie „Überlastung des Gesundheitssystems“ meine Existenzgrundlage vernichtet. So als wäre das Gesundheitssystem nicht ohnehin überlastet, weil es kaputtgespart worden ist. Für dieses Versäumnis soll jetzt ideell das Virus und materiell mein Erspartes herhalten.

Aber wem soll ich das sagen da draußen? Der Kassiererin im Supermarkt, den Beamten, den Leuten im Home Office? Die bekommen ja alle ihre Gehälter wie selbstverständlich und die im Home Office können im Pyjama ihre Aufgaben halbherzig erledigen. Das ist sozusagen das Paradies. Ich aber als Selbstständiger bin ausgeblutet, ausgesogen vom Vampir der Bundesregierung, die genau aus jenen Leuten besteht, die ihr Vermögen eben nicht verlieren werden – völlig egal, wie sie entscheiden. Sie wissen nicht, was es heißt, eine Entscheidung im Wortsinn zu tragen. Ja, fällen können sie Entscheidungen, aber sie dann tragen gewiss nicht. Weil es keine Konsequenzen hat. Eine Entscheidung ohne Konsequenzen ist gar keine Entscheidung. Sie legen den Ball auf den Elfmeterpunkt, laufen an, der Tormann geht zur Seite und sie verschießen den Ball meterweit. Aber ich bin es, der das Spiel dadurch verloren hat. Sie schießen zwar die Elfmeter, gehören aber gar nicht zur Mannschaft der Ökonomie. Ich muss von Lockdown zu Lockdown die höchstmögliche Ungewissheit antizipieren und werde schier wahnsinnig darüber.

Nachdem ich den ganzen Tag meiner Wut über die Regierung freien Lauf gelassen habe, spüle ich meine Antidepressiva mit einer Flasche Mouton Rothschild ex hinunter. Dann schaffe ich gerade noch den Weg ins Bett.

Tag 4. Ich habe Angst vor dem Virus.

Derart gebeutelt und verkatert drehe ich am neuen Morgen am Angst-Rad. Und darf wieder Angst vor dem Virus haben. Das ist mir sehr angenehm, weil es meine materiellen Sorgen relativiert. Du meine Güte. Angst vor Armut. Wie peinlich ist das denn?! Sind wir nicht alle der Schöpfung anheimgestellt? Das letzte Hemd hat keine Taschen. Alles, worum es doch geht, ist Gesundheit. Seien wir uns ehrlich. Aber wer ist denn schon ehrlich da draußen? Diese ganzen Selbständigen – man könnte auch sagen: die neoliberalen Turbokapitalisten! – interessiert die denn mein Wohlergehen? Die wollen ja nur, dass ich ihnen ihren Dreck abkaufe. Verrecken am Virus darf ich schon. Da spare ich dann auch noch im Pensionssystem. Und das Begräbnis ist ja auch noch ein Geschäftsmodell. So nicht. Ich setze meine Masken auf, die ich gratis von der wunderbaren Regierung bekommen habe. Mit mir nicht. ich werde überleben. Auch wenn der Virus in Gestalt meiner Enkelin und der Heimhilfe greifbar vor mir steht. Dass diese schönen Menschen der Regierung, die so viel Verantwortung für uns alle tragen, permanent durch egozentrische Kapitalisten durch den Dreck gezogen werden, ist unappetitlich. Da möchte ich die Damen und Herren Geschäftsführer der Privatwirtschaft einmal sehen, wie sie da für uns Risikogruppe entscheiden würden. Wir sind alle Risikogruppe, alle. Aber Risiko ist ja das, was die Kapitalisten nicht kennen.

Tag 5. Ich habe Angst vor Bestrafung.

Das Angst-Rad beschert mir etwas Neues. Ich darf Angst vor Bestrafung haben. Ich ignoriere Covidioten und Solidarschlöcher gleichermaßen und lese aufmerksam, was alles erlaubt und nicht erlaubt ist. Weil ich will heute nur das Leben eines anständigen Bürgers führen. Nicht mehr, nicht weniger. Ist das etwa verkehrt? Darf man nicht einfach achtbar und ehrenwert sein? Ich will nicht belangt werden, für nichts und gar nichts. Ich will unauffällig und anständig sein. Was anständig ist, definieren die Gesetze. Das hat ja wohl seinen guten Grund und ist nichts, worüber man Spott treiben soll. Maske aufsetzen, niemanden treffen, Abstand halten. Das ist ja nicht so schwierig. Ich trage die Maske schon recht ordentlich, zupfe sie aber zurecht, wenn ich den Schaffner kommen sehe. Bitte, mit mir müssen Sie sich nicht aufhalten. Ich weiß, Sie haben Wichtigeres zu tun. Bitte lassen Sie sich nicht abhalten. Ich bin voll und ganz bereit, voll und ganz bereit für alles zu sein.

Ich fahre im Rahmen der Geschwindigkeitsbeschränkungen, habe immer zwei gültige Fahrscheine (falls ich einen verliere), spucke nicht beim Essen, verwende immer Kondome, auch beim Onanieren, und rufe niemals: „zweite Kassa öffnen“, obwohl ich das sogar dürfte. Aber ich will der Kassiererin nicht den Eindruck geben, als dächte ich, sie könne nicht bis fünf zählen. Weil ab fünf darf man eine neue Kassa verlangen, aber ich schreie auch dann nicht, wenn ich der achtundzwanzigste bin.

Egal, was die Regelungen sind, ich werde sie befolgen. Und wissen Sie warum: weil es für etwas gut ist. Da hat sich jemand etwas gedacht. Nennen wir es daher bitte nicht Angst vor Strafe sondern Fürsorge für meine Mitmenschen.

Ich merke heute, dass ich mich sogar freue, dass es harte Regelungen gibt. Richtig harte Regelungen, die weh tun und einschneiden. Das gibt mir die Möglichkeit, sie sichtbar und duldsam zu befolgen und damit anzuzeigen, dass ich einer von den Guten bin. Das sieht man ja unter normalen Bedingungen leider nicht. Also, gerade die Maskenpflicht schätze ich. Ich trage selbstbewusst Maske. Nicht wie diese erbärmlichen Feiglinge, die nur Angst um ihr Leben haben, die ihre erbärmliche Existenz beweinen und sich nie mit dem Tod auseinandergesetzt haben. Ich trage Maske wie ein König, der zeigt, dass er bereit ist, etwas für die Gemeinschaft zu leisten. Ich hoffe, dass die Impfpflicht kommt, denn wenn es eine Pflicht ist, braucht es keine Entscheidung. Dann ist es so und nicht anders.

Derart erhobenen Hauptes gehe ich in’s Bett und hoffe, im Schlaf keine Fehler zu machen. Es wäre mir unangenehm, etwas zu träumen, was ich am nächsten Morgen meinem Schatz nicht gestehen könnte.

Ich überspringe die nächsten Tage, die mir mal diese, mal jene Angst bescherten. Ich kannte alles bereits und meisterte es souverän. Ich muss am Rande gestehen, dass meine Frau schon etwas zermürbt war von all den Anwürfen, die ich ihr machte, wenn sie meiner jeweiligen Angst nicht folgen konnte. Ich war aber meinerseits auch sehr verzweifelt, weil ich gewünscht hätte, sie – wenigstens sie! – würde mich verstehen. Aber nein. Sie war täglich eine große Enttäuschung für mich. Weder bei dieser noch bei jener Angst zitterte sie mit mir.

Der Zufall spielte mit mir und verweigerte mir das letzte Feld, wie mir bald auffiel. Ich manipulierte an einem der Tage meine Angst ein wenig und drehte das Angst-Rad solange, bis endlich …

Tag X. Ich habe keine Angst.

Sieh an. Eine neue Perspektive. Keine Angst vor dem Virus. Keine Angst vor Diktatur. Keine Angst vor Bestrafung. Keine Angst vor Verarmung. Keine Angst vor gar nichts. Heißt das nun, dass ich das Virus nicht bekommen und dass ich mein Geld nicht verlieren würde? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Virus. Ich vertraue plötzlich meinem Immunsystem. Diktatur. Ich vertraue der Demokratie. Bestrafung. Ich vertraue der Eigenverantwortung. Verarmung. Ich vertraue dem Leben. Du meine Güte, so viel Vertrauen. „Du Narr, du Idiot, Bückling, Systemsklave“, höre ich leise verblassend Stimmen vor meinem Fenster schreien. Sie verblassen deshalb, weil ich mit einem Aufzug emporfahre, die Ebene der Angst verlassend. Ich hatte einen Aufzug vorgefunden, bin eingestiegen und habe den Knopf „Meta“ gedrückt und dann fuhr und fuhr ich. Und nun steige ich aus.

Ach, welch wohltuende Atmosphäre. Wohlwollen, Freundlichkeit. Angeregte Gespräche, aufmerksame Gelassenheit. Ich merke zu meinem Erstaunen, dass ich heute keinen Drang verspüre, ein Posting abzusetzen, weder bei Facebook noch bei andere Online-Foren. Es juckt mich nicht in den Fingern so wie in den vergangenen Tagen. Es juckt mich auch nicht in den Augen, mir bestimmte Dinge anzusehen und zu lesen. Eigenartiges Gefühl.

Zu meinem Erstaunen sind alle da. All die Protagonisten vergangener Tage, die Alten und die Jungen, die Kontrolleure und Zurechtweiser, die Mitfühlenden und Gleichmütigen, die Aufreger und Aufgeregten. Wir reden und schweigen miteinander wie erwachsene Menschen. Wir überlegen dies und jenes, bedenken diese dräuende Gefahr und grübeln über die Wahrscheinlichkeit jener Hiobsbotschaft. Wir lernen, mit dem Unvorhersehbaren zu rechnen. Es herrscht die gelassene Heiterkeit wacher Menschen. Mir fällt auf, dass ich die letzten Tage nicht gelacht habe. Angst ist offenbar nicht lustig und hemmt den Humor. Dabei müsste Humor freigesetzt werden, um die Angst zu überwinden. Das erste, was man machen sollte, wenn einen die Angst überfällt, ist darüber zu lachen. Jede Angst hat das Recht, ausgelacht zu werden. Jede. Das hieße natürlich, über sich selbst zu lachen. Lachen ist subversiv und reinigt die Seele. Meine Frau macht mir Avancen.

Was passiert als nächstes, möchte sie wissen. Ich werde wach sein und lachen, sage ich. Und wenn es mir nicht gelingt, dann erinnerst du mich.

Autor: 
Harald Koisser
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