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© Pexels auf Pixabay © Green Tech Clusters© Binder+Co

Kleines grünes Land, große grüne Ideen

12.09.2021

Greentech made in Austria hat das Potenzial, international zur Marke zu werden – zumal Green Technologies aus Österreich schon jetzt besonders erfolgreich im Export sind. Doch noch fehlt eine echte rot-weiß-rote Greentech-Standortstrategie.

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Die österreichische Greentech-Branche müsste geradezu prädestiniert sein, um in Zeiten von Klimazielen und Green Deal mit ihren Angeboten international zu punkten. Jedenfalls wenn sich der Trend fortsetzt, denn Österreich war schon vor rund 30 Jahren Vorreiter bei grünen Technologien. So haben sich hierzulande etwa Warmwasser-Solaranlagen in den 1990ern so stark wie in keinem anderen Land verbreitet. Auch bei Biogasanlagen war Österreich zusammen mit Deutschland Vorreiter. Und auch im Recycling hatten wir früh die Nase vorn.

Doch was heißt das für Gegenwart und Zukunft grüner Technologien „made in Austria“? Wie ist es um die weltweite Nachfrage nach rot-weiß-roter Green Technology bestellt? Hat Greentech aus Österreich das Potenzial, zu einer über die Grenzen hinweg strahlenden Marke zu werden? Haben wir noch genug auf diesem Sektor zu bieten, was so qualitativ und innovativ ist, dass alle Welt auf unser kleines Land blickt? An Vorzeigebeispielen gibt es einiges, aber reicht das aus, um die Success-Story fortzuschreiben?

UMWELTTECHNIK PUNKTET MIT EXPORT

Tatsächlich weisen die Greentech-Unternehmen eine besonders hohe Exportquote auf: durchschnittlich 71,8 Prozent – eine Zahl, die aus dem aktuellen Bericht „Österreichische Umwelttechnik- Wirtschaft“ stammt, den das Industriewissenschaftliche Institut (IWI) im Auftrag des Klimaschutz- und des Wirtschaftsministeriums sowie der WKO durchgeführt hat. Herwig Schneider, IWI-Geschäftsführer: „Die Umwelttechnik- Wirtschaft zeigt sich deutlich exportintensiver als die österreichischen Unternehmen der Sachgüterproduktion insgesamt.“

100 PROZENT EXPORT

Eine Exportquote von satten 100 Prozent weist das Wiener Unternehmen Biogest auf, ein Anbieter von Biogas- und Biomethan-Anlagen, in denen vor allem aus landwirtschaftlichen Abfällen Elektrizität oder Biomethan etwa für den Fahrzeugantrieb gemacht wird. Der Export spielt seit der Gründung vor mehr als 30 Jahren eine wichtige Rolle. Damals baute man Kläranlagen; Tschechien und Ungarn waren wichtige Absatzmärkte. Vor rund 20 Jahren stieg Biogest auf Biogas-Anlagen um. Mittlerweile hat das Umwelttechnik-Unternehmen über 160 Anlagen in der ganzen Welt gebaut. Eigene Niederlassungen hat Biogest, das derzeit mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigt, in Frankreich, Italien, Rumänien, Serbien, Tschechien, Großbritannien und den USA. Vor 20 Jahren war Biogas eine neue Technologie, erzählt Martin Schlerka, seit 1999 CEO von Biogest: „Österreich war hier zusammen mit Deutschland Vorreiter. Mittlerweile hat sich eine professionelle Industrie plus Zulieferer herausgebildet, die sich vom deutschsprachigen Raum aus auf dem Weltmarkt ausgebreitet hat.“

Der aktuell größte Wachstumsmarkt für Biogest sind die USA: Das erste Projekt, eine Anlage auf einer Milchfarm in Idaho, wird gerade fertiggestellt. Schlerka verweist darauf, dass US-Unternehmen, die Treibstoffe in den Verkehr bringen, erneuerbare Treibstoffe selbst produzieren oder zukaufen müssen. Das führt dazu, dass Bio-Treibstoffe stärker nachgefragt werden – und das ist vor allem für landwirtschaftliche Betriebe interessant, die mithilfe einer Biogas- oder Biomethan-Anlage ihre Abfälle veredeln und zu einer Einnahmequelle machen können. Ein Abfallprodukt der Anlagen ist zudem Dünger, den sie wieder in der Landwirtschaft nützen können.

REGELN GEÄNDERT – IMAGE VERBESSERT

Auch in Europa, wo viele Staaten Biomethan bereits einen großen Stellenwert einräumen, rechnet Schlerka mit steigender NachfraPfefge. Er betont, dass in modernen Biogas-Anlagen keine Lebens- oder Futtermittel mehr verwendet werden, da fast alle Länder dies verboten haben. Dadurch habe sich das Image der Technologie stark verbessert, weil Betriebe wie Biogest „jetzt wirklich ein Abfallproblem lösen“. Biomethan sei zudem ein Alleskönner, der im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energien gut planbar und auch verfügbar sei, wenn die Sonne nicht scheint und kein Wind weht. Vermehrt werde künftig auch die Aufrüstung von Biogas- auf Biomethan-Anlagen nachgefragt werden.

Wenn aus Österreichs Greentech eine Marke werden soll, macht es Sinn, in den Süden des Landes zu schauen, wo mit dem Green Tech Valley eine ganze Region als Vorbild oder Ausgangspunkt dienen könnte. Die Steiermark und Kärnten machen im Kleinen vor, was auch im Großen möglich wäre: Green Tech wurde dort zum zentralen Leitthema ernannt. Deshalb wurde 2005 der Green Tech Cluster mit 80 Unternehmen gegründet, der mittlerweile auf 250 angewachsen ist. 20 davon sind sogar Technologieführer. Zu den Mitgliedern gehören Anbieter von Solartechnologie, Biomasse-Anlagen, Wasserkraftwerken und Recyclingsystemen. Der Cluster setzt den Fokus auf Kreislaufwirtschaft und Lösungen für den Klimaschutz und hat sich das Zusammenwirken der Unternehmen untereinander sowie von Unternehmen und Forschungseinrichtungen zum Ziel gesetzt. So werden gemeinsam Ökosysteme entwickelt, Innovationen vorangetrieben und das internationale Wachstum der Mitglieder verstärkt. Die Finanzierung des Clusters, der zehn Mitarbeiter hat, erfolgt zu rund 60 Prozent aus öffentlichen Mitteln.

KEIN GRUND FÜR BUNDESLAND-EUPHORIE

Bernhard Puttinger, CEO des Green Tech Clusters, ist überzeugt, dass sich das Konzept ausweiten lässt: „Man sollte österreichweit einheitlich als Green Tech Valley auftreten, denn Österreich ist zu klein, als dass man in Bundesland-Euphorie ausbrechen sollte.“ Geht es nach der Bundesregierung, sollte Green Tech eine wichtige Rolle spielen. Vizekanzler Werner Kogler bezeichnete den Wettbewerb der Zukunft als jenen „um die grünsten Produkte und die nachhaltigsten Produktionsweisen“. Der im Mai gestartete Standortstrategie-Prozess enthält neben sechs anderen Kernthemen auch den Bereich Green Tech & Green Materials. Und das könnte auch positiv auf den Export wirken, denn, so Bernhard Puttinger: „Greentech ist ein Exportschlager.“

Das bestätigt auch Binder+Co, ein Mitglied des Green Tech Clusters mit Sitz im steirischen Gleisdorf, mit einer Exportquote von mehr als 90 Prozent. Das 1894 als Maschinenproduzent gegründete Unternehmen ist heute unter anderem auf sensorgestützte Sortierung, hier insbesondere auf Glasund Metallrecycling, spezialisiert. Auch Zerkleinerungs-, Sieb- und Trocknungs- sowie Verpackungstechnik und der Bau schlüsselfertiger Gesamtanlagen gehören zum Angebot des Unternehmens. Europa ist der größte Exportmarkt, in Italien steht ein Produktionswerk. Binder+Co hat aber auch Niederlassungen in China und den USA und liefert von seinen Standorten aus in die ganze Welt. Vorstand Martin Pfeffer: „Da wir im Glasrecycling und in der Absiebung von schwer siebbaren Materialien weltmarktführend sind, kommen wir über Referenzen über alle Kontinente hinweg zu Projekten.“ Der Trend zu Kreislaufwirtschaft sowie steigende Recyclingquoten in immer mehr Staaten kurbeln die internationale Nachfrage an – sieht man vom Pandemiejahr 2020 ab, in dem Binder+Co einen Umsatzrückgang verzeichnete.

„Man sollte österreichweit einheitlich als Green Tech Valley auftreten.“ Bernhard Puttinger, Green Tech Clusters

GUTER ZEITPUNKT FÜR GREENTECH-MARKE

Auch wenn Binder+Co international gut dasteht, hat Martin Pfeffer nicht den Eindruck, dass Österreich als Greentech-Land wahrgenommen wird: „Aber es ist eine große Chance für Österreich, mit seinem Technologie-Know-how und Bildungsniveau hier führend zu werden. Greentech made in Austria könnte sich zu einer Marke etablieren – und es wäre auch authentisch, wenn wir das machen.“ Pfeffer glaubt, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um auf nationaler Ebene Österreich als Greentech- Land zu bewerben und stärker zu positionieren: „Umwelt- und Klimaschutz sind sicher Technologie-Treiber in Europa und zukünftig auch weltweit. Das kann für Österreich eine Chance sein, hier Vorreiter zu werden.“ Doch Pfeffer vermisst noch konkrete Initiativen, etwa in der Förder- und Steuerpolitik, damit das gelingen kann. Auch Sigrid Stagl, Volkswirtschaftsprofessorin am Department für Sozioökonomie an der WU Wien, sieht in Österreich zwar tolle Greentech-Erfolgsgeschichten wie zum Beispiel im Gewässerschutz, in der Gebäudetechnik und im Recycling: „Aber mir fehlt jenseits von Einzelinitiativen und politischer Rhetorik eine Programmatik im Sinne von Institutionen und Förderungen. Das ist schade, denn es geht jetzt darum, den Anschluss an technologieführende Länder nicht zu verlieren.“ Dabei gebe es bereits Lösungsansätze: „Mit den Technologien, die wir haben, würden wir schon recht weit kommen.“ Der Staat sollte, unter anderem in Form von Förderungen, vielversprechenden grünen Innovationen den entscheidenden Push geben. Stagl: „Es braucht Institutionen, die das Scaling-up und Ausrollen grüner Technologien ermöglichen.“ Sie verweist auf das Beispiel Tesla: „Ein einziger Akteur hat durch die Förderung des US-Staates etwas, was längst überfällig war, in Gang gebracht und eine Erfolgsgeschichte für die gesamte Automobil-Industrie begonnen.“ Auch am Beispiel des grünen Wasserstoffs, den Stagl als Teil einer klimafreundlichen Industrie- und Frachttransportlösung sieht, erkenne man, wie es gehen kann – bzw. wie nicht: Während Deutschland einen systematischen Plan erstellt habe, fehle ein solcher in Österreich noch.

WAS GRÜN IST, WIRD AUSVERHANDELT

Doch ist eigentlich alles, was unter dem Label „Greentech“ läuft, auch wirklich grün? Stagl, die erste Person weltweit, die vor 22 Jahren ein Doktorat in Ökologischer Ökonomie erlangte, sagt: „Was Greentech ist und was nicht, ist nicht so einfach zu entscheiden. Welche Technologien als grün eingestuft werden können, muss gesellschaftlich ausverhandelt werden.“ Als Beispiel nennt sie die Atomenergie: Auf europäischer Ebene wird diskutiert, ob sie als grün gelten kann, weil sie CO2-arm ist. Stagl hat sich im Auftrag des Klimaschutzministeriums im Detail mit der Frage befasst und kam zum Schluss: „Man könnte Nuklearenergie als grün einstufen, sollte es aber nicht tun, weil sie nicht mehr ,Best in Class‘ ist: Neue Photovoltaikoder Windkraft-Technologien sind günstiger und sorgen für ähnlich wenig Klimagase.“ Hinzu kommen Sicherheitsaspekte, weil Atomkraftwerke durch Unfälle oder Terroranschläge ein hohes Risiko darstellen. Zudem sollten wir nachfolgende Generationen nicht mit der Bürde des Atommülls belasten. Nur Greentech allein reiche ohnehin nicht. Derzeit sehe man, dass aus Sicht der Konsumenten die nachhaltigste Lösung oft nicht die günstigste sei. Deshalb sei es wichtig, dass nicht nur die marktlichen Bedingungen stimmen, sondern auch die gesellschaftlichen. Stagl nennt ein persönliches Beispiel: Vor 14 Jahren, als sie schwanger war, bestand sie darauf, Uni- Meetings online abzuhalten. Das war technisch schon möglich, aber gesellschaftlich noch neu. Als Projektleiterin konnte sie die Sache entscheiden und es habe gut funktioniert: „Es braucht nicht nur die Technologie, sondern auch die sozialen Normen, um sie nutzbar zu machen.“ Auf die Gesellschaft übertragen, sagt sie: „Es macht keinen Sinn, Greentech anzubieten, ohne eine ökosoziale Marktwirtschaft zu entwickeln, denn Greentech ist ganz eng mit der ökosozialen Marktwirtschaft verwoben.“

WELTWEIT EINZIGARTIG

Eine grüne Idee, die ins Ausland expandiert, ist das vor 23 Jahren von Sepp Eisenriegler gegründete Wiener Reparaturzentrum R.U.S.Z., wo defekte Elektrogeräte wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Kaffeemaschinen und Co repariert werden, anstatt auf dem Müll zu landen. Seit April bietet das R.U.S.Z. Franchise-Lizenzen im deutschsprachigen Raum an, später soll die EU folgen. Bis Jahresende sollte es zwei Vertragsabschlüsse geben. Eisenriegler, der auch das Reparaturnetzwerk Wien gegründet und über sein Unternehmen hinaus eine Bewegung angestoßen hat, erzählt, wie es zum Franchising kam: Nachdem 2016 sein Buch „Konsumtrottel“ erschienen ist, brachten plötzlich Menschen aus den Bundesländern ihre kaputten Geräte – wenig klimaschonend mit dem Auto – zum R.U.S.Z. Eisenriegler erhielt zudem viele Anfragen aus dem Ausland. Die Menschen wollten wissen, ob es in ihrer Region auch etwas wie das R.U.S.Z. gibt. „Nein, das gibt es nirgends auf der Welt in dieser Ausprägung“, antwortete er.

„Greentech made in Austria könnte sich zu einer Marke etablieren.“ Martin Pfeffer, Binder+Co

Eisenriegler hat mit seinem Reparatur-Franchising – Stichwort Upscaling – viel vor: „Es soll groß werden.“ Er erzählt, dass das R.U.S.Z. einmal als „McDonald’s der Reparatur“ bezeichnet wurde – eine Zuschreibung, die ihm gefällt. Dabei liege ihm nichts daran, dass die Marke R.U.S.Z. so bekannt werde, „sondern ich will einen Beitrag leisten, um die fehlende Reparatur-Infrastruktur möglichst weltweit zu verbreiten“. Wie die ultimative Bestätigung dafür, dass die eigene Arbeit auch außer Landes gefragt ist, ist es auch, dass die Vereinten Nationen das R.U.S.Z. seit diesem Sommer als weltweites Vorbild empfehlen: Das Reparaturzentrum steht jetzt auf der offiziellen UN-Liste der SDG Good Practices.

GREENTECH AUF DEM PRÜFSTAND

Eisenriegler, ein Rebell, der politische Lobbyarbeit für die Reparaturbewegung macht, wird beim Schlagwort „Greentech“ hellhörig, weil er dahinter „in den meisten Fällen Greenwashing und eine PRStrategie und Marketing-Maßnahme“ sieht. Und selbst wenn man weniger kritisch ist als er: Fest steht, dass auch Geräte, die als grün gelten, zumindest bei der Produktion für einen erheblichen CO2-Abdruck sorgen – siehe unter anderem die Diskussion um E-Autos. Daher ist es für Umwelt und Klima meist am besten, wenn Produkte gar nicht erst neu produziert werden müssen bzw. gleich so konstruiert werden, dass sie möglichst lange halten und repariert werden können.

Wenn Österreich also zur Greentech-Nation werden will, sollte es nicht nur um den ökonomischen Erfolg, sondern mindestens ebenso um Klima-, Umwelt- und Artenschutz gehen. Industrieökonom Herwig Schneider vom IWI ist für einen ausgewogenen Weg, der einerseits möglichst gute Lebensvoraussetzungen für zukünftige Generationen schafft, also etwa den Klimaschutz groß schreibt, und andererseits für Arbeitsplätze und damit Wohlstand und Sicherheit sorgt. Schneider weiß, dass das eine Gratwanderung ist: „Ich fürchte, uns steht da ein Eiertanz bevor.“ Dieser werde sich „nur durch Transparenz und kluge, proaktive und verständliche politische und wissenschaftliche Kommunikation lösen lassen“. Und vielleicht hilft ja auch die Devise, die Reparatur- Aktivist Eisenriegler neuerdings verfolgt: „Lokal denken, global handeln.“ Denn jetzt mal ehrlich: Österreich ist auf Dauer einfach zu klein für die großen grünen Ideen, die das Land hervorbringt und hoffentlich noch vielfach hervorbringen wird.

Autor: 
Alexandra Rotter
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