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© francescoch / Getty Images

Tanzende Sterne

08.10.2019

Wo bekommt man heute Inspiration, Impulse, Ideen für sein Unternehmen? Vom Wald und von den Wahnsinnigen

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„Es braucht noch Wahnsinn, um einen tanzenden Stern zu gebären“, meinte Nietzsche, und nichts weniger wird dem komplexen Universum, in dem wir heute leben, gerecht. Hochmut gegenüber „Wahnsinnigen“ ist unangebracht. Die einzig gültige Frage ist heute: Wie gebären wir die tanzenden Sterne, die es braucht, um die Zukunft zu bewältigen? Ich versuche hier drei Antworten abseits von Brainstormings und Kreationstechniken. Erstens. Den Wahnsinnigen Aufmerksamkeit schenken. Immer wieder entdeckt die Marktforschung Randgruppen, die durch Exzentrik auffallen. Sie sind markant genug, um statistisch erfasst zu werden, aber nicht relevant genug für repräsentative Aussagen. Dort lohnt es hinzuschauen. Es könnte passieren, dass jene Gruppen nach und nach ins Innere der Gesellschaft wachsen und das, was heute exzentrisch wirkt, sich abschleift und mehrheitsfähig wird. Statt die Wahnsinnigen von heute zu verlachen, könnte man prüfen, wo ein realistischer Ansatz für die nahe Zukunft liegen könnte. Dann hat man die Nase vorn am Markt.

Zweitens. Scheinbar unscheinbare Messen und Veranstaltungen besuchen. Dort sind vielleicht Ideen auf dem Sprung in den Mainstream. Dort könnte man Sponsor werden. Nicht der hundertste, sondern der erste Große, und der hat dann auch etwas davon. Dort trifft man garantiert auf viele ehrenamtlich Arbeitende, die von Überzeugung und Engagement getragen werden. Es lohnt, sich anzuschauen, wovon sie überzeugt sind und was sie antreibt. Ende September war zum Beispiel der „1. Lösungskongress“ mit dem Untertitel „Bewusst Gemeinsam Leben“ im Messezentrum Salzburg. Aufmerksamkeit von höchster Stelle hat es gegeben – eine Grußbotschaft vom Bundespräsidenten, Begrüßung durch LH Wilfried Haslauer –, allerdings viel weniger Besucher, als dem hochkarätig besetzten Programm angemessen gewesen wäre. Wer dort war, hat sich an exzellenten Ideen für lebenswerte Gemeinden, Gesundheitsfragen der Zukunft oder Bildung delektieren können. Der Wiener Neurologe Wolfgang Lalouschek, Buchautor und Initiator von Planet Yes, attestiert allen Verrückten, die solche Kongresse initiieren, dass sie die eigentlich Normalen wären. Jetzt nichts zu tun wäre verrückt. Nachhaltiger Wandel muss und wird Gewinn bringen. Weltenwanderer Gregor Sieböck sprach über seine Reisen außerhalb der Zeit. Der Salzburger Erwin Thoma, der vor rund 20 Jahren die ersten Vollholzhäuser gebaut hat und damit überall auf der Welt erfolgreich ist außer in Österreich, wo die Baulobby opponiert, erzählte davon, was wir vom Wald lernen können. Die Veranstaltung war ein Best-of der Nachhaltigkeit und Zukunftsvision. Eine Inspirationsfülle, wäre man nur dabei gewesen. Es geht als Unternehmen heute darum, an die pulsierenden Ränder zu schauen und Schätze wie diesen „Lösungskongress“ zu finden, denn im ökonomischen und politischen Mainstream sind die Böden ausgelaugt.

Apropos Wald: Drittens. Ab in den Wald. Allein, ohne Familie. Der Wald ist der Ort, wo wir alle herkommen. Der Körper erinnert sich daran. Die Bäume im Wald sondern Terpene ab, einen Stoff, für den unser Hirn noch Rezeptoren hat. Gönnen Sie dem Kopf diesen Spaß. In keinem Wellnesshotel, in keinem Biergarten kann der Körper so abschalten wie im Wald. Der Wald ist ein toller Therapeut und Inspirator, er verurteilt uns nicht und stellt nicht einmal eine Rechnung dafür. „Gehet in die Wälder und werdet wieder Menschen“ (Rousseau).

 

Autor: 
Harald Koisser