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Wenn das Licht ausgeht

08.06.2021

Anfang des Jahres ist Europa nur knapp an einem großflächigen Stromausfall vorbeigeschrammt. Ein solcher Blackout kann alle Systeme bis hin zur Wasserversorgung lahmlegen. Österreichs Stromwirtschaft hat die Gefahr abgewehrt. Doch es gibt tatsächlich einige Gründe, beunruhigt zu sein.

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Die Schlagzeilen zur Energiewirtschaft bestimmen in diesem Jahr genau zwei Themen. Das eine Thema diktiert die Politik: Es ist der im Regierungsprogramm vorgesehene Ausbau der Erneuerbaren. Ihre Kapazität soll in Österreich bis 2030 um die gigantische Menge von 27 Terawattstunden steigen. Das zweite Thema ist die Gefahr eines Blackouts. Gemeint ist damit eine länger andauernde Störung der Stromversorgung, die ganze Landstriche oder sogar Europa betreffen kann. Weil das Stromnetz für die Gesellschaft wie ein Nervensystem ist, blockiert ein Blackout auch alle Verkehrsströme, die Produktion, die gesamte Kommunikation, den Betrieb von Spitälern und auch die Wasserversorgung. Dieses Thema, so scheint es, hat nichts mit dem Ausbau der Erneuerbaren zu tun. Und diktiert wird es, so scheint es ebenfalls, nicht von der Politik, sondern von der Wirklichkeit, nämlich von einer Störung der Stromnetze quer durch Europa am 8. Jänner.

Allerdings hängen die Themen Blackout und Erneuerbare sehr wohl direkt miteinander zusammen. So sagt Verbund- Konzernchef Michael Strugl: „Die Dekarbonisierung des Energiesystems ist gut und richtig. Mit dem Ausbau der Erneuerbaren ist aber die Vulnerabilität größer geworden. Die Anforderungen an unsere Netze, Kraftwerke und Speicher wachsen. Gleichzeitig schwinden unsere gesicherten Kapazitäten.“ Ein Blackout, so Strugl weiter, würde in Österreich Kosten von 1,18 Mrd. Euro pro Tag verursachen. Das wäre ungleich mehr als die Kosten, die ein weitreichender Lockdown verursacht.

BLACKOUT KOMMT BINNEN FÜNF JAHREN

Klar ist, dass die verstärkte öffentliche Thematisierung dieser Gefahr Teilen der Energiewirtschaft nützt. Etwa den Netzbetreibern. Sie wollen und müssen ihre Netze immer weiter ausbauen, um mit den ständig steigenden Kapazitäten der schwankenden Erneuerbaren Schritt zu halten. Wenn sie nun immer wieder auf das Thema Blackout verweisen, erleichtern sie sich selbst sowohl die Argumentation für den Ausbau der Netze als auch Fragen zur Finanzierung. Klar ist aber auch, dass diese Gefahr real ist und dass sie offenbar wächst. Das belegen die Einschätzungen völlig unbeteiligter Akteure, in Österreich etwa des Zivilschutzverbandes und des Bundesheeres. So schreibt das Bundesheer in der „Sicherheitspolitischen Jahresvorschau 2021“, die Gefahr eines Blackouts sei „das größte Risiko für eine nächste Systemkrise in Österreich“. Dieses Risiko sei noch höher als jenes eines breiten Cyberangriffs, einer unkontrollierten Massenmigration oder eines kriegerischen Konfliktes mit österreichischer Beteiligung. Besonders beachtlich ist folgende Einschätzung der Armee: „Mit einem Blackout ist binnen der nächsten fünf Jahre zu rechnen.“

WAS AM 8. JÄNNER PASSIERT IST

Tatsächlich ist Europa am Nachmittag des 8. Jänner 2021 knapp an einem Blackout vorbeigeschrammt. Laut Analyse von Entso-E, dem Verband europäischer Netzbetreiber, hat es an diesem Tag ungewöhnlich hohe Stromflüsse vom Südosten in den Westen Europas gegeben. Um 14:04 Uhr fiel im Umspannwerk Ernestinovo in Kroatien eine Kupplung aus. Die Stromflüsse verlagerten sich auf benachbarte Leitungen, überlasteten diese, in der Region fielen 14 Stromleitungen aus. 30 Sekunden später spaltete sich das europäische Stromnetz in zwei „Inseln“: eine im Südosten mit einer zu hohen Frequenz und eine im Westen inklusive Österreich mit einer Unterversorgung. In Österreich sprangen beim Übertragungsnetzbetreiber APG unter Vertrag stehende Wasserkraftwerke ein, aber auch thermische Kraftwerke und große Batteriespeicher. In Frankreich und Italien schalteten Netzbetreiber große Industriekunden ab, um das Netz zu stabilisieren. Zusätzlich schaufelten auch skandinavische und sogar britische Kraftwerksbetreiber große Strommengen ins Netz. Um 15:07 Uhr erreichte das Netz wieder die notwendige Frequenz von 50,0 Hertz. Die beiden „Inseln“ waren wieder synchronisiert.

INSTABILITÄT DES SYSTEMS STEIGT

Dieser Tag habe die Stabilität der Systeme in Europa bewiesen, betont Entso- E in seiner Analyse. Auch sei es kein Blackout, sondern lediglich ein „Frequenzabfall“ gewesen, denn bis zu einem weiträumigen Stromausfall hätten noch mehrere Eskalationsstufen gefehlt. Auch streichen sowohl Entso-E als auch die heimische APG heraus, dass nicht die Erneuerbaren der Auslöser für die Störung waren. Allerdings waren die „neuen Erneuerbaren“ Windkraft und Photovoltaik auch nicht an der Gegensteuerung beteiligt. Und Daten der APG zeigen, wie aufwendig die Stabilisierung der Netze inzwischen ist. Weil die stark schwankende Stromproduktion der Erneuerbaren wächst, muss die APG inzwischen fast täglich stabilisierend eingreifen. Dieses „Redispatch“ kostete im Jahr 2001 noch 1,7 Mio. Euro. Im Vorjahr musste die APG dafür knapp 134 Mio. Euro an Kraftwerksbetreiber überweisen. Geld, das am Ende von Betrieben und Konsumenten zu zahlen ist. Tendenz heuer weiter steigend. Ein zentraler Aspekt zum Thema Blackout steht allerdings eher im Hintergrund: Heute können nur thermische Kraftwerke, Atomkraftwerke und hierzulande auch die Wasserkraft sichere Kapazitäten und damit Stabilität im Netz bieten. Mit Erneuerbaren lässt sich das Netz nur über Speicher stabil halten, doch die einzigen heute im industriindustriellen Maßstab verfügbaren Anlagen sind Pumpspeicher, und deren Kapazitäten sind begrenzt. Wasserstoff ist hier zwar ein großer Hoffnungsträger, doch diese Speichertechnologie steckt noch in den Kinderschuhen. Auch übers Jahr gesehen ist das Wasserkraftland Österreich nach Zahlen der APG und des heimischen Bilanzgruppenkoordinators APCS von September bis April ein Stromimporteur. Bis zu ein Drittel des heimischen Stromverbrauchs produzieren dann Gaskraftwerke, Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke im Ausland. Das Problem: Heimische thermische Kapazitäten sinken jedes Jahr, weil Gaskraftwerke immer unwirtschaftlicher werden. Gleichzeitig steigt Deutschland 2022 aus der Atomkraft aus und plant auch den Ausstieg aus der Kohlekraft. Damit kommen auch auf Österreich weitere Schwierigkeiten zu.

BEWUSSTSEIN SCHAFFEN

Der beste Schutz gegen einen Blackout seien jedoch schnell startende, sogenannte „schwarzstartfähige“ Kraftwerke, betonte als Reaktion auf den 8. Jänner Martin Graf, Vorstand der Energie Steiermark. Das können sowohl Wasserkraftwerke als auch Gaskraftwerke sein – deren Betrieb jedoch sichergestellt werden müsse, so Graf weiter. Gleichzeitig hat die Energie Steiermark eine vielbeachtete Kooperation mit dem steirischen Zivilschutzverband vereinbart. Das zentrale Ziel: Betriebe, Menschen und vor allem die Gemeinden und Bürgermeister auf den Fall des Falles vorzubereiten. Auch Verbund-Konzernchef Michael Strugl betont, dass es sehr wichtig sei, ein entsprechendes Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen. Und mehr noch: die Energiewirtschaft die nötigen Investitionen tätigen zu lassen, damit Österreichs Stromversorgung weiterhin zu den besten der Welt gehört.

Autor/in: PETER MARTENS