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Gudrun Meierschitz, Mitglied des Vorstandes der Acredia Versicherung
Gudrun Meierschitz, Mitglied des Vorstandes der Acredia Versicherung
© ACREDIA

Wir sind noch nicht über den Berg

12.09.2021

Die aktuelle Lage ist paradox: Obwohl große Teile der Wirtschaft massiv von Corona betroffen sind, gibt es so wenig Insolvenzen wie vor 30 Jahren. Wann sich das ändern wird und in welchen Märkten Exporteure besonders vorsichtig sein sollten, erklärt Gudrun Meierschitz, Mitglied des Vorstandes der Acredia Versicherung.

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In Österreich ist trotz der Pandemie ein erheblicher Rückgang der Unternehmensinsolvenzen festzustellen. Woran liegt das? Diese Entwicklung ist vor allem mit den staatlichen Interventionsmaßnahmen verbunden. Die Unterstützungsleistungen waren wichtig, damit Unternehmen in dieser Krise weiterarbeiten konnten. Sie haben auch zu einem massiven Aufschub bei Insolvenzanträgen geführt, die sonst eingegangen wären. In Folge verzeichnen wir nun ein Insolvenzniveau wie vor 30 Jahren.

Rechnen Sie damit, dass dieses Kartenhaus in den kommenden Monaten zusammenfallen wird? Kurzarbeit, Stundungen und Unterstützungsmaßnahmen können ja nicht ewig fortgesetzt werden. Wann eine große Zahl der aufgeschobenen Insolvenzen schlagend wird, hängt vor allem davon ab, ob wir noch eine vierte Corona-Welle erleben werden. Wenn sie kommt, wird der Staat vermutlich wieder massiv mit Unterstützungen für Unternehmen in den Markt eingreifen. Sicher ist: Wann auch immer die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen auslaufen, werden die Insolvenzen ansteigen.

Mit Insolvenzen gehen stets auch Zahlungsausfälle einher. Wie können Unternehmen die entsprechenden Risiken bei ihren größeren Kunden bestmöglich abschätzen? Man muss sich wohl insgesamt der Tatsache bewusst werden, dass unsere Realität komplex bleiben wird. Faktoren wie der Klimawandel, Pandemien oder Engpässe in Lieferketten werden auch in Zukunft zu Verwerfungen führen. Unternehmen sollten sich also bewusst machen, welche Risiken auf sie aus solchen Faktoren zukommen. Sie müssen ständig analysieren, ob und wo sie exponiert sind. Nach diesem Umfeld-Check sollten sie sehr gründlich ihre Finanzen durchforsten, ihre Liquidität absichern und aktuell auch überlegen, was passiert, wenn sie oder große Kunden staatliche Hilfen rückführen müssen. Der Blick muss dabei immer stärker in Richtung Strategie und Zukunft gehen. Denn Zahlen aus der Vergangenheit sind nicht mehr so wichtig wie das Geschäftsmodell, der Digitalisierungsgrad, das Liquiditätsmanagement oder der Umgang mit Themen wie Nachhaltigkeit oder Cybercrime.

Die großen Wirtschaftsforschungsinstitute blicken gerade wieder recht optimistisch in Richtung Zukunft. Rechnen Sie ebenfalls damit, dass die Pandemie nicht mehr zu großen Effekten und Einbußen führen wird? Ja und nein. Die Wirtschaft springt zum Glück in Österreich und auch in anderen Ländern wieder an. Das Vertrauen der Konsumenten bewegt sich wieder auf Vorkrisenniveau, und wenn es steigt, steigen auch die Konsumausgaben. Viele Menschen geben nun wieder Geld aus, das sie in der Krise vermehrt gespart haben. Das ist positiv. Ich glaube aber nicht, dass wir wirtschaftlich schon völlig über den Berg sind. Denn es gibt auch weiterhin Probleme in internationalen Lieferketten, von denen viele Branchen betroffen sind. Auch die Rohstoffknappheit macht vielen Unternehmen zu schaffen. Wie stark der Nachholeffekt sein wird, hängt letztlich von einer Kombination aus Nachfrage, Produktionsmöglichkeiten und Hygienevorschiften ab. Allerdings steckt auch im raschen Aufschwung eine Gefahr: Wenn eine hohe Nachfrage auf begrenzte Produktionsmöglichkeiten trifft, kann es zu einer Überhitzung und Preisanstiegen kommen und das bremst wiederum den Konsum.

Mittels Kreditversicherung wollen sich Unternehmen nicht nur vor Zahlungsausfällen durch Insolvenzen schützen, sondern auch vor Betrügern. Wie sehen Ihre Beobachtungen aus? Wie entwickelt sich die Anzahl der kriminellen Fälle? Der Bestellbetrug nimmt laufend zu. Umso genauer kontrollieren wir alle Fakten für unsere Kunden. Ein Unternehmen wollte beispielsweise einen Millionenbetrag für eine Lieferung bei uns versichern. Wir haben alle Daten seines Abnehmers recherchiert und fanden einige auffällige Abweichungen. Das hat den Kunden hellhörig gemacht und tatsächlich war es ein versuchter Bestellbetrug. Wenn wir die Versicherung gezeichnet hätten, hätte der Kunde geliefert und Millionen verloren. Vor allem der Bestellbetrug geht mittlerweile stark mit Cyberkriminalität Hand in Hand.

"Der Bestellbetrug nimmt laufend zu."

Als große Gefahr für die Konjunktur gilt auch das angespannte Verhältnis zwischen China und den USA. Hat sich der Handelskonflikt aufgrund der globalen Pandemie ein wenig beruhigt? Leider nein. Die Linie von Joe Biden gegenüber China ist sehr strikt. Tatsache ist, dass dieser Konflikt den Welthandel unfassbare Summen kostet.

Asien lag zuletzt bei Zahlungsverzügen ganz weit vorne. Bei der Lieferung in welche Regionen sollten Exporteure besonders auf das Forderungsmanagement achten? Asien war schon vor der Krise ein großer Treiber bei Zahlungsinsolvenzen. Der Grund ist simpel: Wo starkes Wachstum herrscht, gibt es auch viele Ausfälle. In der Krise wurden die Betriebe global von den jeweiligen Staaten unterstützt, weswegen es weltweit nur wenig Insolvenzen gibt. Aber man merkt unterschiedliche Entwicklungstendenzen. In den USA sehen wir schon einen langsamen Anstieg der Insolvenzen. Früher gab es generell mehr kleinere Insolvenzen. Jetzt beobachten wir vermehrt größere Fälle. Das ist ein Trend, der von den USA auch nach Asien überschwappt.

Verzeichnen Sie generell eine steigende Nachfrage nach Kreditversicherungen? Die Nachfrage war zu Beginn der Krise geringer, als wir vermutet hätten. Aber jetzt, wo viele Betriebe auch mit der Krise Routine bekommen haben, denken immer mehr über Risikoabsicherungsmethoden nach.

Autor: 
Mag. Stephan Strzyzowski